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Programm / Literatur im Künstlerhaus / 5/17


Dienstag, 02.05.2017, 19.30 Uhr // Literaturhaus Hannover
NDR Kultur - Autoren lesen

Marcel Beyer
„Das blindgeweinte Jahrhundert“

Moderation: Joachim Dicks

Im November 2016 erhielt Marcel Beyer die renommierteste Auszeichnung für deutschsprachige Literatur: den Georg-Büchner-Preis. In der Begründung der Jury heißt es, Beyer widme sich „der Vergegenwärtigung deutscher Vergangenheit mit derselben präzisen Hingabe, mit der er die Welten der Tiere und Pflanzen erforscht. Er hat den Sound der Straße im Ohr, er kennt die Testgelände der ästhetischen Avantgarden, er ist vertraut mit der tückischen Magie der Medien.“

Seit seinem Roman Flughunde, mit dem er 1995 bekannt wurde und in dem er von der Instrumentalisierung von Sprache und Medien durch die Nazi-Propaganda erzählte, befasst sich Beyer in seinen Gedichten, Essays und Romanen immer wieder mit dem Fortwirken der deutschen Geschichte vom Dritten Reich bis in die Gegenwart. In Das blindgeweinte Jahrhundert versammelt er nun aktuelle kulturwissenschaftliche Texte wie seine Frankfurter Poetikvorlesungen 2016. Davon ausgehend, dass die Medien - von Radio über Fotografie und Kino bis zum heutigen Privatfernsehen - stets mit Inszenierungen der Realität arbeiten und unsere Wahrnehmung und Erinnerung, das Bild der Geschichte und der Alltagsgegenwart prägen, nimmt Beyer hier ganz konkrete, historische Momente in den Fokus: Sei es das tränenrührige Lied „Mama“ von Heintje, sei es das sogenannte "Busenattentat" auf Theodor W. Adorno, sei es eine Szene mit Helmut Kohl am Grab von Rainer Maria Rilke - mit unbestechlichem Blick erkundet Beyer diese medial vermittelten Szenen und erobert sie sich mit dem Wort des Schriftstellers zurück.

Dabei hinterfragt er natürlich auch sein eigenes Medium, die Literatur: Welcher Verfahren hat sie sich heute zu bedienen? In seinen scharfsinnigen, erkenntnisreichen Erkundungen plädiert Beyer entschieden für eine Literatur, die ins Detail geht und die sich ihrer Entstehung und zeitgenössischen Tendenzen bewusst ist.


Marcel Beyer, geb. 1965 in Tailfingen, lebt in Dresden. Sein Studium der Germanistik und Anglistik schloss er 1992 mit einer Arbeit über Friederike Mayröcker ab. Er arbeitete als Lektor der Konzepte, schrieb für die Musikzeitschrift Spex und war Writer in residence an Universitäten in London und Coventry. Für sein Werk erhielt er u.a. den Uwe-Johnson-Preis 1997, Joseph-Breitbach-Preis 2008, Kleist-Preis 2014 und Georg-Büchner-Preis 2016.

Joachim Dicks, geb. 1966 in Krefeld, studierte Philosophie, Germanistik und italienische Philologie in Köln und Bologna. Anschließend arbeitete er als freier Autor und Journalist für die ARD und das ZDF und ist seit 2003 Redakteur bei NDR Kultur.

Eine Kooperation mit dem NDR Kultur. Die Lesung wird aufgezeichnet und am 21.05.17 auf NDR Kultur im Sonntagsstudio ab 20.00 Uhr gesendet.

Eintritt: 10,- / erm. 6,- Euro

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