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Do. 08.06. | 08. - 11. Juni 2017 Uhr
Prosanova | 17
Festival für junge Literatur


Do. 08.06. | 19.30 Uhr
Frank Trentmann
"Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute"


Do. 15.06. | 19.30 Uhr
Heiko Postma
"Weibes Weh mit Verwund´rung wägend"


Mi. 21.06. | 19.30 Uhr
Lyrikfest Gegenstrophen 2017
mit Nora Gomringer, Marco Grosse, Annette Hagemann, Ulrich Koch & Klaus Merz, Marina Müller, Sophie Radde & Daphne Weber


8/17
Programm

Editorial

Lärmender Trupp am Hochsommerabend
Katalog meiner Sentimentalitäten I

Früher war mein Lieblingsbuch das Lexikon der Antiken Mythologie. Jeder Impuls, Staub zu wischen, endete dort. Immer, wenn ich daran vorbei wischte, fiel mir ein Gott ein, den ich nachschlagen könnte und dank der äußerst klug angebrachten Querverweise - eine sehr gute Ausgabe der Büchergilde, aus dem Englischen übersetzt - kam ich unter einer Stunde Lektüre nicht davon. Nun habe ich mir im Ramsch, wo er absolut nicht hingehört, einen Kosmos Vogelführer gekauft. Darin blättere ich morgens beim Kaffee. (Was in der Zeitung steht, kann ich mir erst am Abend zumuten.)

Erst spät, könnte ich mit Jacques Prévert sagen, lernte ich die Vögel lieben, denn ich habe zunächst mehrere Jahre mit der Lektüre der Rosen-Enzyklopädie der Royal Horticultural Society die Morgenstunden verbracht. Aber ich habe keinen Garten. Auf Vögel brauche ich nicht zu verzichten: Tauben, Meisen, ein Eichelhäher, Krähen, Elstern, ein Bussard, Turmfalken, Wacholderdrosseln, Amseln, (viel zu wenige) Spatzen und sogar die kleine Majestät Zaunkönig überfliegen das kleine Stück Hinterhofhimmel, auf das ich vom Balkon sehe oder landen mit Eleganz oder Drolligkeit auf meinem Rosenbogen, wo einzig die unverwüstliche New Dawn Knospen treibt.

Bei aller Niedlichkeit der dreist auf die Katzen herunter schimpfenden Meisen und dem huldvollen Hüpfen des Zaunkönigs, der aus dem Innenhofgestrüpp zu mir findet, sind mir die Mauersegler am liebsten. Eines Morgens die Balkontür zu öffnen und unverhofft ihr schrilles Rufen zu hören, ist das schönste am Frühsommer überhaupt. Der ganze Sommer breitet sich wie eine stille Seenoberfläche vor einem aus. Beruhigend ungebunden, durchzogen vom weitreichenden schrillen schriiiek, schriiiek der Segler.

Es ist nicht leicht zu verwinden, wenn sie fort sind. Ende Juli ist der Himmel plötzlich stumm. Mit Glück saust noch ein verstreutes Grüppchen über die Hausdächer. Im tätigen Leben ist genug zu tun, die allgemeine Lage ist kritisch und für mich immer noch bemerkenswert unverändert. Was macht es da, dass der Sommer fort ist. Er kommt wieder und war nie meine Lieblingsjahreszeit. Ich mochte immer die Übergänge, Frühjahr und Herbst, ihre schöne Unruhe.

Aber weiß ich denn, dass der Sommer wiederkommt? Mir ist beklommen. Vielleicht ist die Vogelbeobachtung nicht gut. Früher endete mein Sommer erst bei der letzten Rosenblüte. Jetzt ist er in kurzer Zeit vorbei. Vielleicht habe ich mir das Vogelbuch zum Trost gekauft, um sie herbeizublättern. Eigentlich dachte ich, meine Unwissenheit loszuwerden, nachdem ich Wacholderdrosseln für türkische Tauben gehalten hatte, und kaum fassen konnte, dass sie in Massen auf den Mehlbeerbäumen sitzen. Taten sie ja auch nicht. Doch trotzdem es ein ausgezeichnetes Lexikon ist, ist es für mich nicht leicht, damit die Vögel zu bestimmen. Aber ich habe festgestellt, dass es ein sehr poetisches Buch ist. Immer wieder schlage ich Seite 219 auf, um auf eine kleine Zeichnung zu gucken und die schöne Bildunterschrift: „Lärmender Trupp am Hochsommerabend.“ Ein kleines Bild sausender Mauersegler und diese Bildunterschrift. Sehnsucht und Vergänglichkeit, Schwermut und Heiterkeit. Alles ist darin. Mehr braucht es nicht.

Ich finde übrigens meinen Prévert Gedichtband nicht wieder. Ich wollte das Vogelgedicht nachschlagen. Aber es lässt sich in keinem Regal und und in keiner Kiste finden. Hoffentlich habe ich es nicht an einen längst verflossenen Jugendfreund verschenkt, dessen Namen ich nicht mal mehr weiß oder einer nicht minder verflossene Freundin geliehen, die mit Sicherheit gar keinen Zahn für die schlichte Sentimentalität eines Anarchisten hatte. Eine Stunde habe ich gesucht und selbst Boris Vian wiedergefunden. Ich pflege die Franzosen zu vernachlässigen. Das wusste ich schon. Aber wo hab ich den Prévert gelassen? Dass ausgerechnet ich ein Buch vermisse! Demütig sehe ich auf meine Unmengen von Besitz. Lärmender Trupp am Hochsommerabend, denke ich und sehe sie sausen. Ich brauche das Buch nicht. Prévert hätte dem sicher zugestimmt.

Doch jetzt, da ich es hinschreibe, fällt es mir ein: Es steht beim Opernlexikon und den Liederbüchern, zwischen einer Brel-Biographie und Dylantexten. Nur eine Flügelspannweite vom Vogelführer entfernt.

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23.06.17 Webdesign & CMS U21 Hannover