Kolumne

Wir mögen Bücher und Papier, deswegen gibt es unser Programm auch als Heft. Und in jedem Heft gibt es  ein Editorial der Literaturhausleiterin. Das wollen wir auch online niemandem vorenthalten!

Ihr Literaturhaus Hannover 

/ Editorial November / Dezember 2017 Palais-Revolution

Hannover will Kulturhauptstadt werden. Prima. Ich hege nämlich den ehrgeizigen Plan, das Palais Grote den flugunfähigen Yogis zu entreissen, um daraus etwas zu machen, was Ehemaliger Palast der Literatur heisst und wirklich beflügelt, indem wir - poetisch versteht sich – von dort in die Landeshauptstadt hinein aus allen Rohren feuern. Vom Balkon aus könnte man dem Volk Poesie predigen und drinnen würde volles Programm laufen. Das wäre doch was. Zumal das Palais eher unbelebt wirkt. Dass sich dort seit Jahren ein Birkensprössling aus dem Keller kämpft, ändert daran auch nichts. Im Gegenteil. Wenn ein Baum im Souterrain spriesst, entscheidet man besser gleich, was man will: einen Baum oder ein Haus.

Ich würde in diesem Fall also das Haus nehmen. Allerdings ist es an dem Standort ziemlich laut. Vielleicht könnte man den Schiffgraben wieder fluten? Eine sehr effektive Verkehrsberuhigung. Überhaupt könnte man als kulturelle Initiative den Fluss befreien, statt den letzten zu Tage fliessenden Abschnitt mit einer Surferwelle überzumöblieren.

Aber, dass mich keiner falsch versteht: Ich hege nicht nur Gedanken an eine Palais-Revolution und geflutete Straßen, sondern auch Bäume, drei Stück sogar. An manchen Tagen kann man mich am Straßenrand über die Baumscheiben krauchen sehen, wie ich Kraut und Gras zupfe oder stirnrunzelnd die tapferen Pflanzen im Abgasdunst zwischen den wärmestrahlenden, geparkten Autos begutachte. Meist kommt jemand vorbei und sagt, daß es toll aussieht – also nicht mein Krauchen, sondern die bepflanzte Baumscheibe. Ich wohne in einem friedlichen Stadtteil. Leider kann man aber für die Bäume nicht mehr viel tun. Nur der Amberbaum hat noch Chancen. Die europäischen Gewächse gehen alle langsam ein: zu warm und trocken die Winter, zu feucht die Sommer. Klimawandel.

Es ist also ein etwas aussichtsloser Kampf, den ich da mit Bodendeckern, Bienenweide und Gießkanne betreibe. Neulich aber bekam unsere Straße eine neue Pflasterung und wir einen Eindruck davon, wie sie ohne Autos aussähe. Wie viel Platz da war! Und die Luft erschein mir auch gleich besser. Seitdem bin ich für Gartenstreifen statt Parkstreifen. Grünflächen sind auch billiger zu unterhalten. 80% aller privaten PKW stehen auf öffentlichen Flächen, nicht mal 4 Prozent davon sind kostenpflichtig. Der Unterhalt der Parkflächen kostet Milliarden. Wie viel Kultur man von dem Geld machen könnte! Wenn man bedenkt, dass ein Auto im Schnitt 23 Stunden täglich einfach nur rumsteht, blinken mir Dollarzeichen in den Augen. Ich sehe mich schon vom Palais-Balkon winken...

Von der Behauptung, dass Kultur ein Lebensmittel sei, halte ich nichts. Kultur ist kein Gemüse. Aber Kultur ist ein Überlebensmittel. Weil sie das Leben besser macht, Menschen reflektierter und weil Kultur die Art ist, wie wir miteinander umgehen. Darum ist es gut, dass Hannover Kulturhauptstadt werden will. Aber wenn Hannover Kulturhauptstadt bleiben will, sollte es wirklich mal zurück nach weit, also ins Unermessliche streben und sich von der autogerechten Stadt in eine mobilitätsgerechte Stadt wandeln. Selbst wenn ich dann mein Palais nicht kriege.


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/ Editorial Oktober 2017 Keineswegs

Es ist ja nichts Neues, dass Schulen kleine Welten für sich sind, die manchmal schwer um die eigene Achse eiern. Natürlich können viele, andere Einrichtungen auch kleine, eiernde Welten sein - jedes Café, jeder Laden, jede Firma oder Fernsehanstalt, ja, jedes Literaturhaus! (Ich übe mich gerne in etwas falscher Bescheidenheit.) Theoretisch.

Jedenfalls ging durch viele Medien, dass die Alice Salomon Hochschule ein Gedicht von Eugen Gomriger, Träger des Alice Salomon Poetik Preises, von ihrer Fassade entfernen will, weil der Asta in den Semesterferien etwas gemacht hat, was jede Lyrikerin, und natürlich auch Lyrik-Schreibende jeglichen anderen Geschlechts, eigentlich begrüßen müssen: Sie haben, wie sie selbst schreiben, die vorlesungsfreie Zeit genutzt, um sich „etwas genauer mit dem Gedicht an der Südfassade der Hochschule zu beschäftigen."

Na ja, na ja. Da sag ich mal als Frau vom Fach: Genauere Beschäftigung mit dem Gedicht kann es nicht gewesen sein. Der Asta kommt nämlich zu dem Schluss, dass es weg muss, weil es als herabwürdigend aufgefasst werden könnte. Könnte. Zwar hätte man  keineswegs etwas gegen Eugen Gomringer vorzubringen. Aber es soll weg.  – Aua. Auf allen Ebenen Aua.

Wo fange ich da an? Mer stelle uns einfach janz dumm: Beim Gedicht! Wie heisst das Gedicht? avenidas. Was steht drin im Gedicht? Das ist übersichtlich (Konkrete Poesie!) in teils mehrfacher Nennung: avenidas y flores y mujeres y un admirador. Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer. Das Gedicht ist also eine Aufzählung. Es spricht von Alleen, Blumen, Frauen sowie einem Bewunderer. Es sagt sonst weiter nichts. Es sagt nicht, was der Bewunderer bewundert. Die prächtigen Alleen? Die Frauen? Die Blumen? Oder gar etwas anderes? Der Bewunderer ist Teil der Aufzählung. Es ist allerdings möglich, dass der nur einmal genannte Bewunderer die Straßen, die Blumen oder die Frauen oder alles zusammen bewundert. Aber sicher ist es nicht.

Die studentische Vertretung erinnert das Gedicht unangenehm an sexuelle Belästigung auf der Straße. Deswegen soll es weg. Auch wenn sie sich dann nicht sicherer fühlen wie sie selbst sagen. Das Gedicht hat aber was patriachal-sexistsich-Hierarchisches an sich, meinen sie. Und die Hochschulleitung will das berücksichtigen.

Mich hat avenidas immer nur an Barcelona erinnert: Platanen, Blumen, flanierende Menschen. Wie ich auf der Parkbank sass, alles genoss und dachte: "Wie schön, dass viele Männer hier trotz Hitze geschmackvoll und vollständig angezogen sind." Total sexistisch. Aber so bin ich. Ästhetik geht mir über alles: Avenidas, y flores, y hombres, y una admiradora.
 

Ich könnte jetzt hier noch viel sagen, auch zum offensichtlichem Bedarf an noch mehr Literaturhäusern, selbst in Berlin, aber die Seite ist fast voll. Ich schlage nur lediglich vor, das Gedicht einfach zu verhängen, und zeitgemäß als Kunst, die subjektiv unangenehme Gefühle provozieren könnte, mit einer Kunst-Burka zu verhüllen. Die Hochschule hat zur Fassadenneugestaltung nämlich einen Wettbewerb ausgelobt. Leider nur intern.

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/ Editorial August/September 2017 Gipfeltreffen

Neulich musste ich nach Lillehammer. Ich bin nur einmal im Jahr beruflich im Ausland. Diesmal eben Lillehammer. „Ski heil!“ rief Dr. Gronius mir zu, doch es war Sommer. Die Sprungschanze konnte ich aber vom Hotelvorplatz aus sehen. Auf dem stand eine große Skulptur von Miffy, dem Dick-Bruna-Häschen, das in Wahrheit Nijntje heisst und ein Kaninchen ist. Jedenfalls ersetzt es einen neobarocken Polyresin-Brunnen. Das konnte man daran erkennen, dass Miffy im neobarocken Becken stand und aus beiden Augen Wasser sprühte. „The bunny is crying all the time.“, sagte ich zu einem rauchenden Tagungsteilnehmer, der dazu nickte und „Modern art.“ sagte. Wir betrachteten eine Weile andächtig das wasserweinende Kaninchen am Fuss des Olympiaparks, dann tagten wir weiter. Nachts verschickte ich Bilder von Miffy an alle meine Freunde, die was von Kunst oder von Miffy verstehen.

„Wenn Du in Lillehammer bist“, sagte meine Schwester, „bin ich auf der Zugspitze.“ „Berg frei!“ würde Dr. Gronius rufen, aber ich hatte noch Fragen. „Da haben wir eine Forschungsstation und aparter Weise nun auch ein Vorstandstreffen.“, kam die Antwort. Immerhin: Bergbahn, kein Kraxeln!

Tja, wieso eigentlich nicht? Forschung tut Not. Und bestimmt freut sich das Zugspitzenteam über Besuch. So standen wir also bei jeweils erfrischenden 12 Grad, 1.500 Kilometer (as the Skispringer flies!) voneinander entfernt, eine im Mittel- eine im Hochgebirge und gingen unserer Arbeit nach. Schön. Ein bißchen fühlte es sich aber wie in Thomas Rosenlöchers Gedicht vom Verlust der Freundschaft an: „...mussten heute ja noch weiter, teils ins Ausland, teils nach Hamburg...“. Das traf sogar zu, denn ich flog über Hamburg, Holzklasse mit den Knien an den schon länger werdenden Ohren, quasi direkt ins Büro. Dort hatte ich einen kurzen Auftritt als Weißes Kaninchen, nicht als Miffy, sondern als das von Carroll. Das weint nicht, sondern schaut nur immer wichtig auf die Uhr und sagt dazu in Endlsoschleife: „I´m late, I´m late, for a very important date...“

Heute wird ja viel von Work-Life-Balance geredet, was ich doch recht seltsam finde, so als sei Arbeitszeit irgendwie keine Lebenszeit. Das ist ja nun wirklich Quatsch. Aber viele geben einen Haufen Geld dafür aus, um sich mit verschiedenen, philosophischen, esoterischen oder sportlichen Techniken auszubalancieren und die Gegenwart zu spüren. Doch das bringt nichts außer mehr Terminen. Bei Gegenwartsverlust hilft nur faul sein. Das wissen wir aus Faust, Kapitel 7. Anders aber als im Stück, holt uns nicht der Teufel. Das gilt nur für Fundamentalisten. Alle andern dürfen sich bedenkenlos entspannen!

Und dann gähnen wir. Gähnen soll übrigens auf hohe Intelligenz hinweisen. Ich frage mich allerdings, ob es wirklich eine Geste der Entspannung ist, oder eher eine besonders lässige Drohgebärde. Schliesslich zeigt man dabei alle seine Zähne.

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/ Editorial Mai/Juni 2017 Lärmender Trupp am Hochsommerabend

Katalog meiner Sentimentalitäten I

Früher war mein Lieblingsbuch das Lexikon der Antiken Mythologie. Jeder Impuls, Staub zu wischen, endete dort. Immer, wenn ich daran vorbei wischte, fiel mir ein Gott ein, den ich nachschlagen könnte und dank der äußerst klug angebrachten Querverweise - eine sehr gute Ausgabe der Büchergilde, aus dem Englischen übersetzt - kam ich unter einer Stunde Lektüre nicht davon. Nun habe ich mir im Ramsch, wo er absolut nicht hingehört, einen Kosmos Vogelführer gekauft. Darin blättere ich morgens beim Kaffee. (Was in der Zeitung steht, kann ich mir erst am Abend zumuten.)

Erst spät, könnte ich mit Jacques Prévert sagen, lernte ich die Vögel lieben, denn ich habe zunächst mehrere Jahre mit der Lektüre der Rosen-Enzyklopädie der Royal Horticultural Society die Morgenstunden verbracht. Aber ich habe keinen Garten. Auf Vögel brauche ich nicht zu verzichten: Tauben, Meisen, ein Eichelhäher, Krähen, Elstern, ein Bussard, Turmfalken, Wacholderdrosseln, Amseln, (viel zu wenige) Spatzen und sogar die kleine Majestät Zaunkönig überfliegen das kleine Stück Hinterhofhimmel, auf das ich vom Balkon sehe oder landen mit Eleganz oder Drolligkeit auf meinem Rosenbogen, wo einzig die unverwüstliche New Dawn Knospen treibt.

Bei aller Niedlichkeit der dreist auf die Katzen herunter schimpfenden Meisen und dem huldvollen Hüpfen des Zaunkönigs, der aus dem Innenhofgestrüpp zu mir findet, sind mir die Mauersegler am liebsten. Eines Morgens die Balkontür zu öffnen und unverhofft ihr schrilles Rufen zu hören, ist das schönste am Frühsommer überhaupt. Der ganze Sommer breitet sich wie eine stille Seenoberfläche vor einem aus. Beruhigend ungebunden, durchzogen vom weitreichenden schrillen schriiiek, schriiiek der Segler.

Es ist nicht leicht zu verwinden, wenn sie fort sind. Ende Juli ist der Himmel plötzlich stumm. Mit Glück saust noch ein verstreutes Grüppchen über die Hausdächer. Im tätigen Leben ist genug zu tun, die allgemeine Lage ist kritisch und für mich immer noch bemerkenswert unverändert. Was macht es da, dass der Sommer fort ist. Er kommt wieder und war nie meine Lieblingsjahreszeit. Ich mochte immer die Übergänge, Frühjahr und Herbst, ihre schöne Unruhe.

Aber weiß ich denn, dass der Sommer wiederkommt? Mir ist beklommen. Vielleicht ist die Vogelbeobachtung nicht gut. Früher endete mein Sommer erst bei der letzten Rosenblüte. Jetzt ist er in kurzer Zeit vorbei. Vielleicht habe ich mir das Vogelbuch zum Trost gekauft, um sie herbeizublättern. Eigentlich dachte ich, meine Unwissenheit loszuwerden, nachdem ich Wacholderdrosseln für türkische Tauben gehalten hatte, und kaum fassen konnte, dass sie in Massen auf den Mehlbeerbäumen sitzen. Taten sie ja auch nicht. Doch trotzdem es ein ausgezeichnetes Lexikon ist, ist es für mich nicht leicht, damit die Vögel zu bestimmen. Aber ich habe festgestellt, dass es ein sehr poetisches Buch ist. Immer wieder schlage ich Seite 219 auf, um auf eine kleine Zeichnung zu gucken und die schöne Bildunterschrift: „Lärmender Trupp am Hochsommerabend.“ Ein kleines Bild sausender Mauersegler und diese Bildunterschrift. Sehnsucht und Vergänglichkeit, Schwermut und Heiterkeit. Alles ist darin. Mehr braucht es nicht.

Ich finde übrigens meinen Prévert Gedichtband nicht wieder. Ich wollte das Vogelgedicht nachschlagen. Aber es lässt sich in keinem Regal und und in keiner Kiste finden. Hoffentlich habe ich es nicht an einen längst verflossenen Jugendfreund verschenkt, dessen Namen ich nicht mal mehr weiß oder einer nicht minder verflossene Freundin geliehen, die mit Sicherheit gar keinen Zahn für die schlichte Sentimentalität eines Anarchisten hatte. Eine Stunde habe ich gesucht und selbst Boris Vian wiedergefunden. Ich pflege die Franzosen zu vernachlässigen. Das wusste ich schon. Aber wo hab ich den Prévert gelassen? Dass ausgerechnet ich ein Buch vermisse! Demütig sehe ich auf meine Unmengen von Besitz. Lärmender Trupp am Hochsommerabend, denke ich und sehe sie sausen. Ich brauche das Buch nicht. Prévert hätte dem sicher zugestimmt.

Doch jetzt, da ich es hinschreibe, fällt es mir ein: Es steht beim Opernlexikon und den Liederbüchern, zwischen einer Brel-Biographie und Dylantexten. Nur eine Flügelspannweite vom Vogelführer entfernt.


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