Kolumne

Wir mögen Bücher und Papier, deswegen gibt es unser Programm auch als Heft. Und in jedem Heft gibt es  ein Editorial der Literaturhausleiterin. Das wollen wir auch online niemandem vorenthalten!

Ihr Literaturhaus Hannover 

/ Editorial Februar / März 2018 Wiese

Als ich klein war, dachte ich immer meine Oma und meine Tante wären verheiratet, miteinander. Meine Tante, so dachte ich, wäre „der Mann“, denn sie ging morgens früh aus dem Haus zur Arbeit, während Oma als „die Frau“ den Haushalt machte und kochte. Sie lebten in einer Zweizimmerwohnung in der aufgeräumten Südstadt. Jeder von ihnen  gehörte ein Zimmer, das aber viele Funktionen hatte: Wohn-Ess-Schlaf-Gäste-Werk-Lese-Nudelteigtrocknungs-Fernseh-Hefeteigruhe-Handarbeitszimmer. Ich war dort gerne zu Besuch. Mittags, wenn Oma und  ich ein Brot gegessen hatten, schlief sie für ein Weilchen auf der Chaise, die nachts ihr Bett war. Ich saß derweil auf dem Wohnzimmerteppich, lauschte ihren Atemzügen und spielte Wiese. Auch wenn ich kein lautes Kind war, war Wiese trotzdem das mit Abstand leiseste Spiel, das ich je erdacht habe. Allerdings konnte man es ausschliesslich alleine und auf Omas Wohnzimmerteppich spielen. Der Teppich war hübsch in zarten Grün-Ockertönen gemustert und äußerst wiesig für einen Teppich. Das Spiel selbst war sehr innerlich. Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass es eigentlich keine weiteren Elemente hatte, als auf dem Teppich zu sitzen. Manchmal arrangierte ich dabei geduldig ein paar am ehesten als Spolien zu beschreibende Teile eines Reifen-Holzbauernhofs: drei Zaunstücke, ein Männchen, zwei Schafe und eine Krähe. Letztere überdimensioniert und offenbar aus einem größeren Reifen geschnitten, daher etwas bedrohlich auf dem wackeligen Zaunpfosten hockend.

Nachmittags gab es einiges im Haushalt zu tun und Oma kochte. Ab vier Uhr observierte ich dann vom Küchenfenster aus die Straßenecke, um die meine Tante kommen würde und um fünf gab es warmes Essen. Meine Tante erzählte vom Dienst und übernahm vielleicht noch eine Hausarbeit, die Oma zu schwer fiel, wie Gardinenaufhängen, oder sie schraubte beherzt den Toaster auf, um zu sehen, ob es einen Wackelkontakt gab, den sie wieder befestigte oder um festzustellen, dass es einer größeren Reparatur bedurfte. In solchen Fällen nahm sie das Gerät dann mit, für „unsere Herren von der Technik“, um deren Meinung oder Hilfe einzuholen. Jene „Herren von der Technik“ waren Fernmeldeingenieure und passionierte Tüftler vor dem Herrn und mir ein Rätsel, wie eine fremde, kühle Spezies, da ich annahm, dass sie kein Zuhause hätten, sondern immer im weißen Kittel im Fernmeldeamt umherschwebten. Vielleicht hat mich das „Herrn“ auch verwirrt, weil Gott, der Herr, jeden Abend die schönsten Schäfchen zählte.

Seltsamkeiten der Erwachsenenwelt kümmerten mich aber wenig, denn die war sowieso eine ganz andere als unsere Kinderwelt. Wir Kinder machten viel mit uns selbst und untereinander ab und wussten genau, was man besser nicht preisgab.

Meiner Tante habe ich erst Jahrzehnte später erzählt, dass ich glaubte, sie sei mit Oma verheiratet gewesen. Sie dachte ein wenig nach und sagte: „Irgendwie waren wir das auch.“  Erst da fiel mir auf, dass es in meiner ganzen Familie sonst überhaupt kein Paar gegeben hatte, das diese angeblich so klassische Geschlechteraufgabenteilung in Reinkultur lebte. Nur Oma und Tante Christa. Anscheinend glaubte ich gerade deswegen, dass sie verheiratet wären. Sie waren für mich einfach die ungewöhnliche Besetzung einer Standardformation, die allgegenwärtig war, ohne wahr zu sein. Ich wusste zwar von der Existenz verschiedener Geschlechter, aber maß dem keine Bedeutung bei. Wie klug wir doch als Kinder sind!

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/ Editorial November / Dezember 2017 Palais-Revolution

Hannover will Kulturhauptstadt werden. Prima. Ich hege nämlich den ehrgeizigen Plan, das Palais Grote den flugunfähigen Yogis zu entreissen, um daraus etwas zu machen, was Ehemaliger Palast der Literatur heisst und wirklich beflügelt, indem wir - poetisch versteht sich – von dort in die Landeshauptstadt hinein aus allen Rohren feuern. Vom Balkon aus könnte man dem Volk Poesie predigen und drinnen würde volles Programm laufen. Das wäre doch was. Zumal das Palais eher unbelebt wirkt. Dass sich dort seit Jahren ein Birkensprössling aus dem Keller kämpft, ändert daran auch nichts. Im Gegenteil. Wenn ein Baum im Souterrain spriesst, entscheidet man besser gleich, was man will: einen Baum oder ein Haus.

Ich würde in diesem Fall also das Haus nehmen. Allerdings ist es an dem Standort ziemlich laut. Vielleicht könnte man den Schiffgraben wieder fluten? Eine sehr effektive Verkehrsberuhigung. Überhaupt könnte man als kulturelle Initiative den Fluss befreien, statt den letzten zu Tage fliessenden Abschnitt mit einer Surferwelle überzumöblieren.

Aber, dass mich keiner falsch versteht: Ich hege nicht nur Gedanken an eine Palais-Revolution und geflutete Straßen, sondern auch Bäume, drei Stück sogar. An manchen Tagen kann man mich am Straßenrand über die Baumscheiben krauchen sehen, wie ich Kraut und Gras zupfe oder stirnrunzelnd die tapferen Pflanzen im Abgasdunst zwischen den wärmestrahlenden, geparkten Autos begutachte. Meist kommt jemand vorbei und sagt, daß es toll aussieht – also nicht mein Krauchen, sondern die bepflanzte Baumscheibe. Ich wohne in einem friedlichen Stadtteil. Leider kann man aber für die Bäume nicht mehr viel tun. Nur der Amberbaum hat noch Chancen. Die europäischen Gewächse gehen alle langsam ein: zu warm und trocken die Winter, zu feucht die Sommer. Klimawandel.

Es ist also ein etwas aussichtsloser Kampf, den ich da mit Bodendeckern, Bienenweide und Gießkanne betreibe. Neulich aber bekam unsere Straße eine neue Pflasterung und wir einen Eindruck davon, wie sie ohne Autos aussähe. Wie viel Platz da war! Und die Luft erschein mir auch gleich besser. Seitdem bin ich für Gartenstreifen statt Parkstreifen. Grünflächen sind auch billiger zu unterhalten. 80% aller privaten PKW stehen auf öffentlichen Flächen, nicht mal 4 Prozent davon sind kostenpflichtig. Der Unterhalt der Parkflächen kostet Milliarden. Wie viel Kultur man von dem Geld machen könnte! Wenn man bedenkt, dass ein Auto im Schnitt 23 Stunden täglich einfach nur rumsteht, blinken mir Dollarzeichen in den Augen. Ich sehe mich schon vom Palais-Balkon winken...

Von der Behauptung, dass Kultur ein Lebensmittel sei, halte ich nichts. Kultur ist kein Gemüse. Aber Kultur ist ein Überlebensmittel. Weil sie das Leben besser macht, Menschen reflektierter und weil Kultur die Art ist, wie wir miteinander umgehen. Darum ist es gut, dass Hannover Kulturhauptstadt werden will. Aber wenn Hannover Kulturhauptstadt bleiben will, sollte es wirklich mal zurück nach weit, also ins Unermessliche streben und sich von der autogerechten Stadt in eine mobilitätsgerechte Stadt wandeln. Selbst wenn es Milliarden kostet und ich dann mein Palais nicht kriege.


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